35 Jahre Meeresschutz: Fehlende Strategie erhöht Bedarf an Schutzflächen

Obwohl mehr als 16 Prozent aller nationalen Meeresflächen geschützt sind, bilden diese Flächen viele Ökoregionen und Länder nicht ab. Die heutige Ausdehnung ist ebenso teuer wie ineffizient, wie Dr. Kerstin Jantke und Team in einer aktuellen Studie des Centrums für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit der Universität Hamburg zeigen. Hätte man von Anfang an strategisch geplant, könnte längst jede Ökoregion angemessen geschützt sein.

In internationalen Vereinbarungen wie den Sustainable Development Goals (SDG) und den Aichi-Zielen der Vereinten Nationen (UN) ist festgelegt, dass bis zum Jahr 2020 mindestens zehn Prozent der Küsten und Ozeane unter Naturschutz stehen sollen. Dieses Flächenziel wurde mit heute rund 16,8 Prozent bereits erreicht. Wo diese Flächen liegen ist jedoch nicht beliebig: So ist vereinbart, dabei jeden der marinen Lebensräume zu erfassen, um den Verlust von biologischer Vielfalt weltweit aufzuhalten.

Gemeinsam mit Forscherinnen und Forschern der Universität Queensland, Australien, analysierte die Umweltwissenschaftlerin Kerstin Jantke Meeresschutzgebiete von den Anfängen im Jahr 1982 bis 2016. Das Team betrachtete dabei nur die nationalen Gewässer (39 Prozent der Ozeanfläche), da internationale Gewässer bisher schwer unter Schutz zu stellen sind. Die nationalen Gewässer bestehen aus 258 Ökoregionen. Das sind relativ große Gebiete, die sich in Artenzusammensetzung und Umweltbedingungen geografisch abgrenzen lassen. Jede dieser Regionen sollte zu zehn Prozent ihrer Fläche unter Schutz stehen. Die Studie zeigt, dass mehr als die Hälfte der Ökoregionen (157) nicht ausreichend geschützt sind, zehn davon noch überhaupt nicht.

Besonders wichtig ist, die Flächen in Zukunft strategisch auszuwählen. Das Team verglich deren Größe von Jahr zu Jahr und simulierte eine optimale Ausdehnung der Schutzgebiete. Hätte man schon im Jahr 1982 begonnen, taktisch zu planen, wären dafür nur 10,3 Prozent der nationalen Meeresfläche nötig gewesen. Noch bis zum Jahr 2011 hätte eine Fläche von knapp 13 Prozent ausgereicht, um alle Ökoregionen wie vereinbart zu zehn Prozent zu schützen. Das Ziel hätte also längst erreicht sein können und auch die Folgekosten, die beispielsweise durch eine eingeschränkte Nutzung für die Fischerei entstehen, wären weitaus geringer gewesen.

„Die Länder müssen systematisch vorgehen und strategisch zusammenarbeiten. Nur so lassen sich die massiven Lücken im bisherigen System schließen“, sagt Jantke. „Doch nationale und wirtschaftliche Interessen gehen meist vor. In Zukunft sollten neue Schutzzonen zunächst in den wenig geschützten Ökoregionen ausgewiesen werden.“

Im Jahr 2020 werden in China unter Federführung der UN neue Ziele zum Naturschutz verhandelt. Viele Expertinnen und Experten gehen davon aus, dass die Zukunft einer Ökoregion nur gesichert ist, wenn mindestens 30 Prozent ihrer Fläche unter Schutz stehen. „Ich bin dafür, weitere Flächen zu schützen. Denn Biodiversität bildet letztlich unsere Lebensgrundlage“, sagt Jantke. „Dazu kommt, dass der Klimawandel auch vor einem Schutzgebiet nicht haltmacht. Doch sind die Gebiete geschützt, können sie sich wahrscheinlich besser an veränderte Klimabedingungen anpassen.“ Die aktuelle Studie liefert jetzt die Basis für einen zukünftigen Meeresschutz mit System.

Fachartikel:

Jantke K., Jones K.R., Allan J.R., Chauvenet A.L.M., Watson J.E.M., Possingham H.P. (2018): Poor ecological representation by an expensive reserve system: evaluating 35 years of marine protected area expansion. Conservation Letters, DOI: 10.1111/conl.12584

https://doi.org/10.1111/conl.12584

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