Rote Liste gefährdeter Brutvogelarten mit erschreckenden Tendenzen

Spatz in Gefahr

Verstärkte Bautätigkeit gefährdet viele Vogelarten

Die Ergebnisse der heute vorgestellten „Roten Liste gefährdeter Brutvogelarten“ sieht der BUND als deutlichen Beleg dafür, dass die Flächenpolitik des Hamburger Senats den Naturschutz nicht ausreichend berücksichtigt. Seit der letzten Bestandsaufnahme im Jahr 2007 sind sechs weitere Vogelarten ausgestorben, vor allem Wiesenvögel wie der Kiebitz im starken Abwärtstrend und selbst Allerweltsarten wie Haussperling, Star und Fitis (Laubsänger) mussten neu als gefährdet einstuft werden.

„Die neue Rote Liste belegt, dass es vielen Vogelarten in den letzten Jahren schlechter geht. Die Wachsende Stadt geht mehr und mehr auf Kosten der Nahrungsgrundlagen und Nistmöglichkeiten für die Vogelwelt und es fehlt an extensiv bewirtschafteten Grünlandflächen. Ohne eine grundlegende Umkehr vor allem in der Siedlungspolitik werden viele weitere Arten aus Hamburg verschwinden“, so Manfred Braasch, Landesgeschäftsführer des BUND Hamburg.

Als besonders besorgniserregend stuft der BUND Hamburg die Gefährdung von Allerweltsarten wie Star, Haussperling und Fitis ein. Diese drei Vogelarten, die noch vor zehn Jahren überall in Hamburg anzutreffen waren, sind deutlich auf dem Rückzug. So ist der Bestand an Haussperlingen fast um die Hälfte eingebrochen. Dass selbst solche Arten mittlerweile als gefährdet gelten, gibt es laut Auskunft der BUE in keiner anderen Großstadt.

Der BUND Hamburg fordert vom Senat, die Flächenvernichtung einzustellen und den Biotopverbund zu stärken. Die Vereinbarung der Regierungsparteien, innerhalb des zweiten grünen Rings eine „Netto-Null-Flächenpolitik“ zu betreiben, müsse auf ganz Hamburg übertragen werden. Derzeit gilt, dass für eine Flächeninanspruchnahme im zweiten grünen Ring eine Fläche an anderer Stelle im zweiten Grünen Ring entsiegelt werden soll.

Der BUND appelliert aber auch an die Bevölkerung, in ihren Gärten und auf Balkonen etwas für Insekten zu tun, die wiederum eine wichtige Nahrungsgrundlage für viele Vogelarten sind. Gärten dürften nicht nach dem Gebot „möglichst pflegeleicht und immergrün“ gestaltet werden.

Die Behörde für Umwelt und Energie erklärte dazu:

Der Bericht zeigt Wohl und Weh in der Vogelwelt auf: Etwa ein Viertel aller hier regelmäßig brütenden heimischen Vogelarten gilt mindestens als gefährdet, beispielsweise Rebhuhn oder Feldlerche. Zwölf Arten stehen auf der „Vorwarnliste“, etwa Weißstorch, Saatkrähe oder Nachtigall. Aus der Vorwarnliste herausgefallen sind z.B. Blaukehlchen, Grünspecht und Rauchschwalbe. Zwei Drittel der Vogelarten gelten als ungefährdet (z.B. Amsel, Kranich oder Mäusebussard). Gegenüber der letzten Roten Liste von 2007 müssen weitere sieben Arten in Hamburg als ausgestorben gelten, unter anderem Brachvogel, Haubenlerche und Zwergseeschwalbe.

Andererseits kamen neue Arten hinzu. So haben sich mit dem Seeadler und dem Raufußkauz zwei neue Brutvogelarten in Hamburg dauerhaft niedergelassen. Weitere positive Nachricht: Die Population des Mittelspechts hat sich seit 2007 vervierfacht. Deswegen konnte auch er aus der Liste der gefährdeten Arten entlassen werden. Ursachen sind eine naturnahe Forstwirtschaft, abwechslungsreiche Laubwaldbestände und ein hoher Totholzanteil.

Der Bestand des streng geschützten Eisvogels wuchs in den vergangenen zehn Jahren um 60 %. Auch er konnte die Rote Liste verlassen – die verbesserte Wasserqualität der Alster und ihrer Nebenflüsse sind hier die Ursache. Weitere gefährdete Vogelarten der Roten Liste sind oftmals Spezialisten, wie die Rohrdommel – inzwischen in Hamburg als Brutvogel ausgestorben – das Tüpfelsumpfhuhn und die Wasserralle, die auf intakte besondere Lebensräume angewiesen sind. Diesen Arten kann nur geholfen werden, indem ihre Habitate vor Zerstörung oder Verschlechterung dauerhaft geschützt werden. In Neuland z.B. konnte der Bestandsschwund des Kiebitz durch ein weitläufiges, gezieltes Wassermanagement erfolgreich gestoppt werden.

Umweltsenator Jens Kerstan: „In Hamburg leben mehr als 151 Brutvogelarten. So viele wie in keiner anderen deutschen Großstadt. Noch! Bei aller Freude über die große Zahl an Brutvögeln blicken wir mit Sorge auf den dramatischen Schwund bei einzelnen Arten. Die Artenvielfalt bei den Brutvögeln wollen und müssen wir bewahren. Wichtig dafür ist es, für einen funktionierenden Biotopverbund zu sorgen, in dem Vögel und andere Tiere innerhalb verschiedener Grün- und Naturbereiche gut wandern und wechseln können. Wir stellen das sicher, indem wir fast ein Viertel der Landesfläche im Biotopverbund festgeschrieben haben und unsere wertvollsten Flächen als Naturschutzgebiete sichern. Und was unbedingt hervorzuheben ist: Die solide Datenbasis für die aktuelle Erhebung verdanken wir vor allem dem Engagement der Naturschutzverbände und vieler Ehrenamtlicher.“

Bei einigen Arten sind die Bestände seit 2007 um mehr als 90 % zurückgegangen: Beutelmeise, Rebhuhn, Sandregenpfeifer u.a. – diese Arten kommen nur noch mit Einzelpaaren vor und stehen kurz vor dem Verschwinden. Einige ehemals häufige auftretende Arten zeigen besonders starke Bestandsverluste: Trauerschnäpper (450 Brutpaare (BP) -> 200 BP), Kiebitz (650 BP -> 300 BP), Fitis (4.600 BP -> 2.200 BP)

Mit großem Abstand am meisten Brutpaare verloren hat der Haussperling, der bis in die 1980er Jahre noch die mit Abstand häufigste Brutvogelart in der Stadt war, ein „Allerweltsvogel“. Von 29.000 BP zur Zeit der 3. Fassung der Roten Liste Mitte der 2000er Jahre sind noch maximal 16.000 BP übrig geblieben, seit der ersten Atlaskartierung Ende der 1990er Jahre hat die Art sogar mehr als 50 % ihres Bestandes verloren. Beim Star sank die Zahl in den letzten 15 Jahren um 45 % (-5.200 Brutpaare). Als erste deutsche Großstadt hat Hamburg den Star und den Haussperling nun auf die Stufe der gefährdeten Vogelarten gesetzt. Die Ursachen für den Rückgang sind vielfältig.

Die Sanierung alter Gebäude und der Neubau energetisch verbrauchsarmer Wohnhäuser mit dichten Fassaden führen offensichtlich zu einem Verlust an Brutstätten für die überwiegend an Gebäuden brütenden Arten. Abhilfe würden künstliche Nistkästen schaffen. Aber auch Nahrungsmangel zur Brutzeit, insbesondere an Insekten für die Aufzucht der Jungvögel, spielt eine wichtige Rolle.

Eine andere Ursache ist die veränderte Gartennutzung. Ehemals blüten- und damit insektenreiche Pflanzen und Flächen für Gemüse- und Obstanbau sind artenärmeren und sauberen Ziergärten und pflegeleichten Grünanlagen gewichen. Was hilft sind Gründächer, grünfassaden-reiche Gewerbehallen Bauten, die Grünanlage und Artenschutz gleich mitdenken.

Rote Liste:

2007 hat die Umweltbehörde zuletzt ihren Monitoringbericht zur Entwicklung der Brutvögel in Hamburg vorgelegt. Die mittlerweile 4. Rote Liste Vögel entstand als Gutachterauftrag der Umweltbehörde. Ihr liegen auch sämtliche ehrenamtlich im Arbeitskreis Vogelschutzwarte erhobenen Daten zugrunde. Die ehrenamtlich tätigen Vogelkundler erheben seit Jahrzehnten systematisch Daten, ohne die viele Maßnahmen des Naturschutzes, wie die Ausweisung von Schutzgebieten, dortige Maßnahmen oder die Erstellung der Roten Liste selbst nicht möglich wären.

Haussperling (Foto: Alexander Mitschke)

 

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