Soll Hamburg Holz aus Namibia verheizen?

Hamburgs Heizkraftwerk Tiefstack soll Holz aus Namibia verfeuern. Kurz vor Abschluss eines maßgeblichen Forschungsprojektes wächst die Kritik.

Tilman Weber berichtet in ERNEUERBARE ENERGIEN:

„Schon im vergangenen Jahr hatten viele Umweltschutzverbände in einem gemeinsamen Brief vor dem Projekt gewarnt. Nun protestieren erneut Umweltschutz-Organisation mit einem offenen Brief an Entwicklungshilfeminister Müller, die Klimakrise würde mit dem Projekt sogar „angeheizt“.

Die Unterstützer des Projektes seitens des GIZ und des Ministeriums argumentieren auch ökologisch. Die Savanne als offenes Grasland könne wesentlich mehr CO2 speichern, als das mit kargen Böden einhergehende Buschland. Außerdem verhindere es, dass die Bevölkerung mit umweltschädlichen Methoden auf eigene Faust die Rodung vorantreibe. Die Verbuschung sei ein großräumiges Problem in Namibia und betreffe bereits 30 Prozent der Landesfläche, so rechtfertigt die Befürworterseite schließlich auch indirekt das geplante Volumen des Namibia-Deals.“

Ein Kommentar

  1. Erklärung von Namibischen NGO zur Faktenlage
    https://cloud.hamburg.global/index.php/s/FdLdzR4c8SoYm7r#pdfviewer

    Im Oktober 2020 haben mehr als ein Dutzend zivilgesellschaftliche Organisationen und Wissenschaftler eine Erklärung herausgegeben, die sich gegen eine „Transkontinentale Biomassepartnerschaft Namibia-Hamburg“ ausspricht; dieses partnerschaftliche Projekt untersucht die Machbarkeit der Nutzung von namibischer Buschbiomasse zum Betrieb von Biomasseanlagen in Hamburg als Teil desHamburger Kohleausstiegs. Der Erklärung folgte ein Brief an den Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Dr. Gerd Müller.Als Reaktionauf diese Initiative möchten wir mit dieser Stellungnahme weitere Informationen und Einblicke in den namibischen Umweltkontext, der sich stark von den europäischen Ökosystemen unterscheidet, und das Problem der Verbuschung geben und außerdem die Komplexität globaler Anliegen darlegen. UnsereStellungnahme diskutiert das Problem der Verbuschung aus einer namibischen Perspektive und nicht aus der Perspektive des globalen Nordens. Offenbar ist nicht jedem bewusst, dass sich die semiariden Ökosysteme Namibias -und damit die Problematik der Verbuschung -von den Gegebenheiten in europäischen Ländern unterscheiden; das gilt auch für die dort bekannten Auswirkungen der Nutzung von Biomasse-Ressourcen. In Namibia gelten zwischen 45 und 60 Millionen Hektar Land als verbuscht, mit Dichten von bis zu 6000 Büschen pro Hektar. Vereinzelt auftretendeBuschdickichtein einer offenen Savanne könnenpositive Auswirkungen auf das Ökosystem haben. Sie schaffen Lebensraum für Wildtiere, verbessern die Fruchtbarkeit des Bodens und die Infiltration von Regenwasser, und sie binden Kohlenstoff. In Namibia hat die Verbuschung jedoch inzwischen Ausmaße angenommen, die beträchtliche negative Auswirkungen auf die Artenvielfalt, die Böden, die Lebensgrundlage der Menschen und -für ein trockenes Land besonders wichtig -auf die Verfügbarkeit von Wasserhat. Diese negativen Auswirkungen überwiegen bei weitem die potenziellen ökologischen und ökonomischen Vorteile, die das Verdichten des Busches mit sich bringt. Aus diesem Grund wurde die Verbuschung zu einem separaten Indikator für die Landdegradation in Namibia erklärt. Ein Hauptziel der namibischen Regierung ist die Reduzierung des Buschbewuchses um18.880 km2(1,9 Mio. Hektar), 4 bis 6%der verbuschten Flächebis 2040, um zur Verbesserung der Biodiversität und der Rehabilitation der Landschaft beizutragen. Mit der Ausdünnung des Busches (nicht derRodung!)wird versucht, ein nachhaltiges Gleichgewicht zwischen Gras-und Gehölzpflanzen wiederherzustellen. Dieses Verfahren könnte für Namibia der Schlüssel zumErreichenseiner Neutralitätszielefür Landdegradation sein. Ferner wird es vermutlich wesentlich dazu beitragen, insbesondere in ländlichen Gebieten den Auswirkungen des Klimawandels entgegenzuwirkenund damit wichtige Anpassungsziele zu erreichen, die von den Industrieländern tendenziell deutlich unterfinanziert werden. Die nachhaltige Nutzungvon Ressourcen ist in der namibischen Verfassung verankert. Die namibische Regierung muss dafür Sorge tragen, dass geeignete Praktiken zur Buschausdünnung umgesetzt werden, um den ökologischen Nutzen zu maximieren. Zu diesem Zweck überarbeitet die namibische Regierung derzeit die wichtigsten forstwirtschaftlichen Gesetze und entwickelt eine Strategie zur nachhaltigen Bewirtschaftung der Buschressourcen, die geeignete Erntetechnologien und Nacherntebehandlungen beinhaltet, um Umweltschäden zu minimieren und den sozioökonomischen Nutzen zu maximieren.Darüber hinaus haben die drei namibischen Landwirtschaftsverbände zusammen mit dem Ministerium für Landwirtschaft, Wasser und Landreform eine nationale Strategie zur Wiederbelebung der namibischen Viehwirtschaft entwickelt, die verbesserte Praktiken des Presseerklärungder Namibia Nature Foundation
    Weidemanagements, die Ausdünnung des Busches sowie die Rehydrierung der Landschaft umfasst. Das Gleichgewicht zwischen Busch und Gras ist von entscheidender Bedeutung, um die Auswirkungen des Klimawandels zu bekämpfen und abzumildern und gleichzeitig die Produktion, Rentabilität und Widerstandsfähigkeit der Wertschöpfungsketten von Vieh und Wildtieren in Namibia zu verbessern.Die Ausdünnung des Busches ist einewichtigeMaßnahme, um die biologische Vielfalt zu erhalten, sich an die Auswirkungen des Klimawandels anzupassen und die Ernährungssicherheit in einem Land zu gewährleisten, in dem der Großteil der Bevölkerung von natürlichen Ressourcen und der Landwirtschaft abhängig ist. Die Verdichtung des Busches wurde durch die falsche Bewirtschaftung (z.B. Landabtrennung durch Zäune und eurozentrische Landwirtschaftsmethoden)begünstigt. In weiten Gebieten hat das Land, das in den frühen 1900er Jahren eine Bewaldung von 15% aufwies, heute eine Bewaldung von 90% -insbesondere als Ergebnis von unangemessenen landwirtschaftlichen und Weideland-Management-Praktiken. Landwirte haben jahrzehntelang den Buschauf ihrem Land entfernt oder chemischkontrolliert, um ihr Weideland wiederherzustellen und die Produktivität des Landes zu verbessern. In Deutschland und in weiten Teilen Europas werden Heide-Landschaften -die oft anthropogen geschaffene Landschaften sind -ebenfalls seit Jahrzehnten gepflegt. Obwohl die Entbuschung in der Vergangenheit nicht immer auf nachhaltige Weise durchgeführt wurde, ist das Hauptziel die Wiederherstellung der Landschaft zu einem natürlichen Savannen-Ökosystem mit sowohl holzigen Arten als auch Gräsern. Der Fokus liegt auf der Wiederherstellung natürlicher Lebensräume und der Artenvielfalt, nicht auf der Reduzierung natürlicher Waldflächen. Als Lösung für ein ansonsten ungenutztes Nebenproduktder Rehabilitationsbemühungenentstanden Busch-Wertschöpfungsketten.Der namibische Biomassesektor steckt noch in den Kinderschuhen. Die inländische Biomasseindustriereicht bei weitem nicht aus, um die Menge an Busch zu absorbieren, die entfernt werden müsste, um das Land wieder ineine Savanne mit Busch-und Grasdickicht zu verwandeln und Landdegradierung-und Biodiversitätsziele zu erreichen. Die Entwicklung einer buschbasierten Industrie in Namibia ist entscheidend,um die Rehabilitationsbemühungen voranzutreiben. Sie wird als einzige Möglichkeit gesehen, das Ausdünnen des Busches zur Wiederherstellung der Landschaft nachhaltig zu finanzieren. Derzeit wird die geerntete Biomasse hauptsächlich für die Holzkohleproduktion verwendet. Die Entwicklung neuer Wertschöpfungsketten mit starken Naturschutzmaßnahmen und Nachhaltigkeitsstandards -wie sie von europäischen Märkten gefordert werden -ist eine unschätzbare Chance, die Nachhaltigkeit des Sektors zu garantieren. Hinzu kämen zahlreiche neue Arbeitsplätzein einem Land, in dem die Arbeitslosenquote 2018 bei 33,4 % lag. NamPower, Namibias größter Energieversorger, will in den kommenden fünfJahrenein Biomassekraftwerkbauen. Dieses Kraftwerk könnte nur einenwinzigenBruchteil des Buschesverarbeiten, der ausgedünnt werden müsste, um andere Umweltziele zu erreichen. Partnerschaften und die Erschließungneuer Abnehmermärkte sind notwendig,um den Biomasse-Energiesektor in Namibia durch Wissens-und Technologietransfer und den Aufbau von Infrastruktur zu fördern und für zukünftige namibische Biomasseaktivitäten auszubauen. Als Beispiel dafür steht die Partnerschaft mit der Stadt Hamburg, die die Entwicklung von Namibias Biomassesektor vorantreibt und keineswegs als eine Form der Rekolonisierungempfundenwird. Namibia verfügt im Überfluss übereine begehrte Ressource, die ein Nebenprodukt vonRehabilitationsbemühungen ist, und treibt damit Partnerschaftenund die Forschung zur nachhaltigen Nutzung vonBuschressourcen im Land voran. Uns ist bewusst, dass im internationalen Kontext die Entnahme von Biomasse oft mit den negativen Auswirkungen einer veränderten Landnutzung und erheblichen negativen Auswirkungen auf die globalen Emissionsbudgets in Verbindung gebracht wird. In Namibia wurden THG-Studien durchgeführt, die belegen, dass das schnelle Nachwachsen des Busches die Auswirkungen der Entbuschung auf die Emissionsbudgets minimiertund dass Namibia auch bei einer erheblichen Ausweitung der Buschausdünnungeine Kohlenstoffsenke bleibt.Nationale und internationale Studien deuten darauf hin, dass das wiederhergestellte Savannen-Ökosystem das gleiche oder sogar ein etwas höheres Kohlenstoffbindungspotenzial haben könnte, aufgrund des höheren Gehalts an organischem Kohlenstoff im Boden in Gebieten mit Niederschlägen >600mm, obwohl weitere Forschung erforderlich ist.
    Dienamibische Regierung bemüht sich nach Kräften, die globalen Ziele zur Eindämmung des Klimawandelszu erreichen. Es sollte allerdingsbedacht werden, dass der Klimaschutz eine Verpflichtung der Industrienationen ist, während für Entwicklungsländer wie Namibia die Klimaanpassung im Vordergrund steht. Wir sollten uns daher vor Öko-Imperialismus hüten und die Klimaschutzziele vonIndustrieländernnicht auf Entwicklungsländer projizieren, die oft am stärksten vom Klimawandel betroffen sind. Für sie geht es vorrangig darum, das grundlegende Wohlergehen der Menschen und die Ernährungssicherheit zu gewährleisten. Buschland wird als unproduktiv angesehen, da zu wenigGräser für die Viehzucht (ein wichtiger Wirtschaftszweig)verfügbar sind.Es reduziert auch die Artenvielfalt, da dichtes Buschdickicht für grasende Pflanzenfresser und andere an die Savanne angepasste Wildtiere(z.B. Geparden)ungeeignet ist.Wir schätzen die gute Absicht,mit der die oben erwähntenErklärungenverschiedener zivilgesellschaftlicher Organisationen und Wissenschaftler verfasst wurde und vertrauen darauf, dass dieses Engagementin eine produktive Partnerschaft kanalisiert werden kann. Wir möchten kritische Organisationen herzlich dazu einladen, ihre Vorbehalte mit uns zu teilen und zu diskutieren.Wir behaupten nicht, dass die Ausdünnung des Busches sowiedie Nutzung und der Export von Biomasse ein Allheilmittel ist. Es gibt Probleme und Herausforderungen (vor allem im Bereich der nachhaltigen Landbewirtschaftung), die gezielt angegangen werden müssen. Wir würden uns wünschen, dass dies durch eine geordnete und solidarischeVorgehensweise geschieht. Diemeisten Themenbereichewerden bereits offen als Teil der Machbarkeitsstudie zur Etablierung der Partnerschaft zwischen Hamburg und Namibia diskutiert. Dazu gehören Gesprächsrundenin verschiedenen Arbeitsgruppen, die öffentliche, private und zivilgesellschaftliche Organisationen sowohl in Deutschland als auch in Namibia einschließen, sowie Austauschbesuche und öffentliche Diskussionen. Wir ermutigen alle interessierten Parteien, sich an den Diskussionen zu beteiligen, den betroffenen Parteien in Namibia zuzuhören und an konstruktiven Lösungen zu arbeiten

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